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Auf den ersten Blick begeistert der Tarot des Künstlers Carl-W. Röhrig sicher nicht alle Tarotbesessenen und Kartensammler: Die Karten haben misch-unfreundliche 90 x 165 mm die aber nach "Beschneidung" durchaus handlic sind. Und obwohl Röhrigs beeindruckende Vision und Fertigkeit zweifelsohne jede seiner Karten zu einem kleinen Kunstwerk machen – sein eigenwilliger Stil könnte irritieren. „Kitschig“ beschreibt es nicht wirklich, und auch „bizarre Mischung aus (post)modern und traditionell“ kann nur eine ungefähre Vorstellung vermitteln. Vielleicht trifft der reichlich überstrapazierte „magische Realismus“ am ehesten in Schwarze. Auf jeden Fall hat der in Hamburg lebende Münchner eine offensichtliche Vorliebe für leichtgeschürzte Damen, die seinen Tarot-Interpretationen eine sehr erotische Note verleiht. Doch die durchzieht des Künstlers gesamtes eindrucksvolles Schaffen, über das Sie unter www.studio-roehrig.com einen Einblick gewinnen können. Auch können Sie hier den Künstler selbst bei der Arbeit bewundern.
Ein Beiseitelegen der Karten nach oberflächlichem Betrachten ist aber nicht anzuraten. Die gründliche Auseinandersetzung mit ihnen hingegen unbedingt zu empfehlen. Röhrigs Bildern mangelt es wahrlich nicht an Originalität, sie strotzen geradezu von Einfallsreichtum und eindringlicher Bildergewalt. Dabei entspringen die Motive keiner gegenwartsfernen Fantasiewelt, lukrativen Gimmickidee oder marktverträglichen Themenpark, wie wir es von vielen anderen Decks des ausgehenden 20. Jahrhunderts her kennen. Vielmehr lassen sich die Bilderthemen der Trümpfe und Sätze sehr leicht auf alltägliche Situationen, Gefühlszustände und Begegnungen beziehen. Dabei umgibt sie jedoch stets gewisse geheimnisvolle Etwas, dass die Beschäftigung mit Tarot so spannend macht.
Persönlich und kollektiv zugleich – so sprechen die Karten auch sofort zu Menschen, die noch wenig oder gar keine Erfahrung mit dem Tarot haben. Gerade in der Beratungspraxis hat sich für mich gezeigt, wie leicht sich Klienten mit der Bilderwelt identifizieren können. Schließlich wird Ottonormalverbraucher die Botschaft „Alles auf Sieg“ in der heutigen Zeit sehr eingängig durch die Darstellung eines in den Startlöchern scharrenden Rennwagens verdeutlicht werden.
Ein Rennwagen! Das mag für manche etwas seicht klingen. Aber weit gefehlt – denn bei aller gewagter Modernität vernachlässigt Röhrig nie die tiefgründigen und zeitlosen Archetypen, die der Tarot so unvergleichlich widerspiegeln kann. Der Künstler weiß genau, was er tut. Es ist augenscheinlich, dass er nicht nur hochgradig an spiritueller menschlicher Entwicklung interessiert ist, sondern sich zum Thema Tarot auch ordentlich schlau gemacht. Sein Deck ist keine der zahlreichen Kopien eines etablierten Klassikers, dem der Herausgeber einige nette Eso-Spielereien zugesetzt oder auf die vorhandenen oder erfundenen Bedürfnisse irgendeiner Randgruppe zugeschnitten hat. Die zahlreichen, eingängigen Stichwörter und Schlüsselsätze, mit denen jede Karte versehen ist, z. Bsp. basieren eindeutig auf den bekannten Standards Marseille, Waite und Crowley. Auch hilfreiche Bildzitate aus den genannten drei „Standarddecks“ finden sich liebevoll skizziert auf vielen Karten. Den bekannten astrologische Zeichen (Korrespondenzen von Waite übernommen, leider auch den Austausch der Trumpfzahlen VIII + XI) setzt Röhrig außerdem noch Runen und kabbalistische Entsprechungen hinzu. So entsteht ein vielschichtiges Symbolnetzwerk, das reichlich Stoff zum Nachdenken bietet. Allen, die noch mehr wissen wollen, sei das handlichen Begleitbuch über Röhrigs Intentionen und Herangehensweisen empfohlen, dessen hochglänzend aufgemachte Bilder auch zu hervorragenden Meditationen inspirieren.
Die Vielschichtigkeit des Röhrig-Decks möchte ich nun mit vier Karten erläutern.
Drei der Schwerter
Verloren und einsam findet sich ein graues Schattenmännchen mit hängenden Schultern in erdrügender, trostloser Umgebung. Vor ihm ein riesiges, verrammeltes Holztor, in das oben drei Schwerter geritzt sind. Das Gemäuer ist mit Graffiti-Schlagworten wie „Kummer“, „Zweifel“ und „Unklarheit“ überzogen. Und auch ohne diese Hilfestellung drängen sich sofort Begriffe wie „ausgeschlossen sein“, „Einsamkeit“, „Ausgrenzung“ auf. Klarer Fall, die Karte spiegelt eine mentale Notlage wieder. Wirklich, wer diese Karte zieht, befindet sich erfahrungsgemäß in einer Phase, in der gerade eine große Enttäuschung verarbeitet werden muss. Dabei kann dann oft das Gefühl entstehen, dass das Leben hinter dem verschlossenen Tor tobt und man der einzige Mensch in der weiten Welt ist, der nicht beim Spaß dabei sein soll. Verständlicher Kummer, aber wirklich notwendig? Vielleicht würde es ja schon genügen, sich auf irgendeine Weise bemerkbar zu machen, um sich wieder von der Umwelt akzeptiert und in ihr geborgen zu fühlen.
Ritter der Kelche
Ein Mann, dessen Anblick Frauenherzen höher schlagen lässt. Das klassisch-ebenmäßige Profil gen Westen gerichtet – Richtung der Progressivität und Entschlusskraft. Ein bunter Regenbogen von herzerwärmenden Schlagworten sprudelt vor ihm auf: „Fähigkeit zu geben”, „Hingabe an geliebte Menschen“, „Zugang zu höheren emotionalen Ebenen“, und und und. Aber entstammten diese Worte wirklich dem Denken des Kelchemannes, der ja nicht umsonst gern auch mal mit Schwanenritter Lohengrin verglichen wird? Oder ist hier der Wunsch der Betrachterin (oder natürlich auch des verliebten Betrachters) Mutter des Gedanken? Schließlich ist nur die rote Rose im unteren Teil des Bildes wirklich realistisch dargestellt . Das Profil des schönen Menschen hingegen wirkt bei näherem Hinsehen reichlich künstlich, nahezu statuenhaft. Ist er überhaupt aus Fleisch und Blut oder doch nur ein unwirklicher Märchenprinz? Eine Karte, die oft von frisch Verliebten gezogen wird, wenn es darum geht, ob der neue Traummann das Potential zu tatsächlichen Partner hat.
Königin der Stäbe
Ist das Objekt der Begierde weiblich, kann es durchaus sein, dass der/die Klient/in die Königin der Stäbe stellvertretend für die neue Anziehung aus dem Packen zieht. Eine Frau, die Leidenschaft verströmt wie Moschus. Blutrot und Scharlach dominieren die Karte und umschmeicheln das Gesicht einer bildschönen Frau, die uns mit willensstarken Wildkatzenaugen fixiert wie die Schlange das Kaninchen. Wer ist hier bereit zum Sprung? Klar scheint: diese Frau bekommt, was sie haben will. Und kann nebenbei noch helfen, „Sympathie“, „Selbsterkenntnis“ und „Veränderung“ in das Leben des Fragenden/ der Befragten zu ziehen.
Der Narr
Das androgyne Gesicht eines Narren dominiert die Karte. Die rechte männliche Gesichtshälfte ist von einer lebendigen Kappe gekrönt – ein Krokodil, das einen Tiger verschlingt. Die weibliche linke Hälfte ist von einem federigen Hut geschmückt. Ein vieldeutiges Lächeln umspielt die Lippen dieser seltsamen Gestalt. Ausdruck eines selbstvergessenen Überschwangs oder wird hier vielleicht gerade eine Eulenspiegelei ausgeheckt?
Eine zerrissene Notiz, auf der sich ein Liebespaar sich auf einem Krokodil vergnügt, bedeckt den unteren Teil der Karte. Das seltsame Geschehen wird von einem Schmetterling und einer Taube beobachtet. Doch auch die Schlage nähert sich bereits – der Fall ist vorprogrammiert.
Gerade diese letzte Karte zeigt hervorragend, wie ausgezeichnet es Röhrig versteht, mit seinen Bildern verschiedene Verständnisebenen anzusprechen. Der Narr hinterlässt sofort einen tiefen Eindruck auf seine/n Betrachter/in, ohne sich leichtfertig auf eine einzige mögliche Interpretation festzulegen. Es ist gerade diese Ambivalenz, die uns tiefer in das Bild zieht, uns dazu anspornt, die Karte völlig zu begreifen und mit persönlichen Bedeutungen zu belegen. Plötzlich stellt man fest, dass man sich schon in der Meditation befindet. Was genau soll diese merkwürdige Skizze unten auf der Karte bedeuten? „Der Narr und das verlorene Paradies”, „Die Welt und das wiedergefundene Paradies” – sind Schlagworte, die sich mir aufdrängen. Hier wie sonst verbindet Röhrig in genialer Weise Anfang und Ende der großen Arkana. Und das ebenso logisch und feinfühlig, wie er Tradition und Moderne zusammenbringt.
Für mich stellt Röhrigs Tarot schon lange das Deck des neuen Millenniums dar. Dabei vergleiche es gern mit dem Film Moulin Rouge – ob man solch grelle, überdrehte Bilder mag oder nicht, es kann nicht abgestritten werden, dass Deck wie Film althergebrachte Mythen aufgreifen, sie respektlos und liebevoll zugleich umstülpen, und so veraltete Denkmuster für unsere wilden, unvorhersehbaren Zeiten auf den neuesten Stand bringen.
Kirsten Kretschmer ist Tarot-Beraterin und -Ausbilderin in Hamburg und geprüftes Mitglied von Tarot e.V. Dieser Artikel ist vorab in veränderter Form in der Zeitschrift Zukunftsblick erschienen.
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